2009
 


Nachdem ich das Jahr 2008 mit der ambulanten REHA abgeschlossen hatte, ging es nach einer kurzen schöpferischen Pause in die Vorbereitungen für das neue Jahr 2009
Die Flüge nach Australien waren frühzeitig gebucht, also war ein gutes Training angesagt, um bei der WM nicht "abzustinken". Schon als ich hörte oder las, dass sowohl die EM als auch die WM als Indoor-Events starten sollten, huschte ein kleiner Grinser über mein Gesicht, denn da ist immer eine unvergleichliche Atmophäre !

Der allererste Test war dann Anfang April in Zwolle bei den EM-Runden. In der Klasse Women 17+ gab es an beiden Renntagen ein Finale. Obwohl ich am Samstag nur 2 Trainingsrunden bekam (am Freitag "musste" ich noch zur Hochzeit meiner Nichte nach Berlin, so dass wir erst spät in NL landeten), schaffte ich es in beide Endläufe. Und nach engem Kampf, da die Starts noch lange nicht perfekt waren, konnte ich mich über zwei 2. Plätze freuen. Somit waren dann auch gleich die Teilnahmebedingungen für die Weltmeisterschaft erfüllt, die da ungefähr so hießen: "... Teilnahme an 2 internationalen Rennen ...".

Da ich aber auch zur Europameisterschaft wollte, ging es munter mit den Rennen weiter, denn die Qualifikation zur EM führte über die Bundesrangliste. Dies bedeutete, dass ich auch in diesem Jahr an der Bundesliga-Serie teilnehmen musste (zumindest mal an den Rennen, die zur Nominierung heran gezogen wurden), obwohl ich dies nach 14 Gesamtsiegen eigentlich gar nicht mehr wollte. Sowohl in Königsbrunn als auch in Bispingen holte ich mir je einen komfortablen Sieg sowie einen zweiten Platz, zwischen diesen Events stand noch ein weiterer internationaler Vergleich an.

In Klatovy (CZ) war die Bahn fast komplett umgebaut worden und nun übersichtlicher, wobei das ein oder andere Hindernis etwas runder hätte sein können. Auf der Startgeraden stand ein Double, den zu springen Pflicht schien, wenn man hier vorn landen wollte. Ich schaffte es auch im Rennen immer sauber, so dass ich je Renntag nur einen Vorlauf an eine Russin abgeben musste. Da wir nur 8 Leute waren, reichten je 2 weitere Laufsiege für die Tagessiege. Es war heiß in der Tschechei, und die Vorläufe wurden ganz schön  schnell durchgezogen, was man vor dem 3. Lauf im Vorstart ausnahmslos jedem ansah. Durch die wenigen Teilnehmerzahlen ging alles viel schneller als geplant, aber so war auch frühzeitig die Mittags-Pause angesagt.

In Dessel (Belgien) waren 2 weitere EM-Runden angesagt, und die Bahn machte schon beim Hingucken Spaß. Ich fühlte mich wohl und schaffte es wieder an beiden Tagen problemlos ins Finale. Der 2. und 3. Platz waren ansehnliche Ausbeuten, nachdem ich meist recht gute Starts und auch Sprünge zeigen konnte, nur am Pushen musste ich noch feilen, sonst hätte es sogar zu einem Sieg am Samstag langen können.

Danach ging es an die Bundesliga-Runden in Weiterstadt. Es sollte nicht nur wettertechnisch ein bescheidenes Wochenende werden. Nach einem zweiten Platz am Samstag folgte ein vierter am total verregneten Sonntag. Und weil ich - so sagte man mir - "unfaires Verhalten" an den Tag gelegt haben soll, wurde ich anschließend disqualifiziert. Dass man mich nicht einmal zu dem Fall befragte, hatte mich schon etwas enttäuscht, passte aber ins bisher bekannte Schema und war demzufolge auch keine Überraschung, wenngleich einmal mehr absolut unprofessionell. Die zahlreichen Zeugen (allesamt aus der weiblichen Klasse, erklärte mir der WAV) wären aussagekräftig genug.
Heute muss ich sowas von darüber lachen   , ist doch schon echt armseelig, wenn man andere, die doppelt so alt sind, in die Pfanne hauen muss, damit man selber in der Rangliste weiter nach vorn kommen könnte. Vielsagend !
Nichtsdestotrotz war ich trotz der gestrichenen Punkte gerade einmal mit 3 Punkten Rückstand auf dem 2. Platz in der Wertung, das Ziel der EM-Quali war also dennoch erreicht und die Bundesliga erstmal abgehakt.

Es gab einen Monat "Pause", gefüllt mit BW-Cup Rennen, bis zum ersten echten fetten Highlight, der Deutschen Meisterschaft in Plessa. Abgesehen von ein paar Wetterkapriolen, die den Ausrichter fast verzeifeln ließen, lief bei mir alles super. Denn ich hatte die Zeit mit planmäßigem Training und einer guten Vorbereitung sinnvoll genutzt und freute mich auf das Event.
Im Cruiser konnte ich mir mit guten Gates zum 9. Mal in Folge den DM-Titel holen, am Sonntag wurde das Rennen schon etwas schwieriger gegen die "jungen Hühner". Zum ersten Mal ging es in der weiblichen Elite über ein Halbfinale, und mit ersten Plätzen war es mir gelungen, wieder im Finale zu stehen. Mein Start war der Beste, doch innen kam Anna Mayer in der ersten Kurve noch vor mich und fuhr so geschickt, dass meine Überholversuche erfolglos blieben. Platz 2 hinter ihr war wie im Vorjahr meine Ausbeute, und damit war ich zufrieden.

Schon am folgenden Dienstag ging es weiter von daheim Richtung Dänemark, mit Zwischenstop und kurzem Training mit den Frankes aus Österreich in Bispingen - die EM in Fredericia stand auf dem Plan. Die Ausrichter boten gegen ein Entgelt schon am Dienstag und Mittwoch Training an, und am Mittwoch nutze ich dies. Die Bahn war bombenfest und schnell - die Kurven allerdings waren mit Vorsicht zu genießen. Die Startgerade machte ebenso Spaß wie die 3. Gerade, ich fühlte mich gut, und auch die Starts klappten bald wie immer
Am Sonntag war ich nach einem Ruhetag dann "endlich" dran, und von einer Runde zur nächsten hatte ich mehr Spaß, und so landete ich mit ersten Plätzen locker im Finale. Hier war die Startgerade zunächst noch ein ganz schöner Kampf, denn das Gate im Halbfinale war etwas besser als das im Endlauf, doch ich konnte mich rechtzeitig vor der ersten Kurve an die Spitze des Feldes setzen und fuhr so schnell ich nur konnte (und ab der letzten Kurve mit einem Lächeln auf den Lippen) - was mir den Sieg einbrachte: EM-Titel Nr. 3 !

Und sogar in Holland gab es schon Bewunderung in einem
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Der kurze Zwischenstop zu Hause reichte zum Wäschewaschen und Packen, denn am Mittwoch Abend ging es dann ins lang ersehnte Adelaide/ Australien zur WM. Am Freitag dort angekommen (2 Personen mit 2 Bikes und OHNE Übergepäck zahlen zu müssen ) haben G und ich erstmal die Gegend erkundet, auch der "Showground"  (das Gelände mit der WM-Bahn in einer Halle) war nicht weit entfernt und schnell & einfach zu erreichen.
Am Sonntag stand dann das "Australien Open" in Hallet Cove auf dem Programm, wofür ich zur Akklimatisierung schon
von zu Hause aus vorgemeldet hatte. Bei frischen Temperaturen und einer merklichen Brise testete ich die Bahn an. Sie war rund und trotzdem anspruchsvoll, das Gate passte zu meinem Rhythmus. Wir waren nur 4 "Mädels", aber das war kein Grund, langsam zu fahren.
Am Montag drauf bot der Verein für umgerechnet 1,20 € für satte 4 Stunden Gatetraining an, also fuhren wir nach einem entspannten Vormittag in Glenelg erneut an die Küste. Das Training war ausgezeichnet, Starts und Spaß bis zum Umfallen - und letzteres nicht  wegen des Windes ! Bis dahin dachte ich ja, dass ich meine Starts kaum mehr verbessern könnte, doch ich fand die letzten ca. 3% an diesem Tag

Dienstag und Mittwoch ging es dann auf die WM-Bahn ins Nationentraining, und nach ein-zwei Runden mit Respekt vor dem 6m hohen Starthügel machte das Fahren auch hier richtig Spaß. Aus dem Gate raus zu schieben war auch super, wer gelb noch sah, war selber schuld. Hinzu kam noch ein Small-Talk im Vorstart mit Dale Holmes, es war als hätten wir uns erst gestern das letzte Mal gesehen, echt cool. Und das Gespräch war ein zusätzlicher Motivationsschub. Der folgende Freitag war dann ganz mein, ich hatte von der ersten Runde an ein gutes Gefühl und nahm dies auch bis ins Finale mit an den Start, wo ich von der Konkurrenz etwas gemustert wurde, was mich aber nicht wirklich interessierte. Ich konzentrierte mich auf meinen Start und das brachte mir schließlich nach einem spannenden Rennen den SIEG ein. Es war ein tolles Gefühl bei der Siegerehrung zu hören:
"...2009 World Champion Women 17 and over - Kerstin Fritscher !".
 
Und weil es so schön war, gelang es mir am Sonntag im Cruiserrennen in meiner eigenen Altersklasse (35-39) noch einmal. Etwas unspektakulärer und eindeutiger, aber kein Bissle weniger schön ! So holte ich in meiner 25. BMX-Race Saison gleich
2 Weltmeistertitel 

An diesem Wochenende war es auf den Tag genau ein Jahr her, seit ich mich der Schulter-OP unterzogen hatte. Was soll ich sagen, sie ist super beweglich und mehr als nur belastbar !
Das "well done, well done" am Freitag von Ray war noch ein recht harmloser Glückwunsch, am meisten Respekt drückte kurz nach dem 20er Finale die kurze Umarmung des 16-Jährigen Klavs aus, und er war nur einer von den vielen internationalen Gratulanten, die mit Bewunderung ihre Glückwünsche aussprachen.

International war es allen Beobachtern klar, dass es etwas besonderes war, mit 39 Jahren gegen u.a. 17-Jährige zu bestehen, entsprechend hoch war jede einzelne Anerkennung - sogar von Fahrerinnen "J'ai vu votre age sur la liste - respect" sagte mir die Viertplazierte. In Deutschland hingegen wurde der Altersunterschied bisher von vielen nicht wahrgenommen (oder auch einfach aus Mißgunst ignoriert und unter den Tisch gekehrt). Doch inzwischen häufen sich auch hier die Leute, die meine Leistung würdigen und auch dazu stehen.

Den anschließenden Urlaub verbrachten wir zum großen Teil in der Nähe von Brisbane bei Ray & Sue, die uns so lieb eingeladen hatten in ihr neues Haus, das erst 2 Monate zuvor fertig geworden war. Wir hatten neben Essen reichlich sogar ein Auto, mit dem wir die
Gegend erkunden konnten.




 
Morgens und am Nachmittag tauchten auf dem großen Gelände von Ray & Sue öfters mal Kangaroos auf,
und nach Surfer's Paradise war es auch nur 1 Stunde, die sich immer gelohnt hat.

Am Abend haben wir zusammen gesessen und über BMX geredet, denn Ray ist mehr als nur ein Insider. Auf das Thema Zurücksetzung und Disqualifikation sind wir auch mal gekommen, und er hat nur den Kopf geschüttelt, weil er das alles nicht glauben konnte., was da so in Deutschland los ist. "Ein Unding" nannte er es.


Zurück in Deutschland am ersten Bundesliga-Wochenende kamen nach den vielen eMails  direkt nach der WM noch zahlreiche  persönliche Gratulanten, und es war echt schön, den Leuten anzusehen, wie herzlich die Wünsche waren. Bei den Rennen blieb ich meinem Vorhaben  treu und ging nur noch in der Cruiserklasse an den Start, denn nach dieser WM konnte es kein schöneres Erlebnis mehr auf dem 20er geben, dessen war ich mir 200%ig sicher. Sieht man von dem Crash übers Gate in Kolbermoor ab, waren es dort sowie in Kornwestheim angenehme Rennen.
  Erste ! ... am Boden 

Obwohl ich ja eigentlich nur alle 4 Male ins Finale hätte kommen müssen, um auch in diesem Jahr in der Rangliste ganz oben zu landen (nachdem Anna ja verletzt nicht mehr am Start war), verzichtete ich auf weitere Starts im 20-Zoll und gab so den Bundesliga-Sieg sowie die "Nr. 1" für das Folgejahr her. Geschenkt ! Manch eine wird's neben dem Aufatmen, dass eine Schnelle weniger am Gate steht, gefreut haben.

Zum Abschluß gab es noch das ein oder andere Local-Race, u.a. das Nord-Cup Finale in Bremen, wo mein Verein eine Überraschung für mich vorbereitet hatte. Der Sportsenator Bremens, zwei Vertreter des Kreissportbundes Bremen-Nord, der Vorsitzende des Bremer Radsportverbandes sowie der Verein hatten eine Ehrung für mich vorbereitet - und alle bis auf uns waren eingeweiht (so kam es mir zumindest vor).

Saisonfazit: Wer zuletzt lacht, lacht am besten ! 

Die folgende Winterpause tut nach diesem bewegten und anstrengenden Sommer mehr als gut und ist auch dringend notwendig, bevor es wieder an weiteres planmäßiges Training geht.

 


 
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© Kerstin Meyer (ehem. Fritscher) 2009-2017