2017
 
 
Die Winterpause tat mir sehr gut, besonders auch dem Knie, das nun komplett regenerieren sollte. Lange faulenzen konnte ich allerdings trotzdem nicht, denn die Ziele für 2017standen schon fest, die grobe Reiseplanung war im Kopf schon seit geraumer Zeit fertig.
Entgegen aller Tradition war mein erstes Rennen ausnahmsweise nicht das Osterrace, sondern ein Baden-Württemberg Cup in Nussdorf, da Ostern in diesem Jahr etwas später war. In meiner letzten Trainingseinheit vor dem Wochenende stieß ich mir dann leider sehr sehr schmerzhaft das rechte Schienbein an, machte aber wie geplant mit der Sprint- und Jump-Session weiter, der Schmerz ließ ja irgendwann etwas nach. Erst zu Hause bemerkte ich das Ausmaß der Verletzung, es war ein kurzer, aber recht tiefer Riss im Schienbein, der genäht werden musste. Ein kleines Abenteuer am Freitagnachmittag! Bei der 3. Anlaufstelle, dem heilbronner Krankenhaus, wurde ich dann mit einem Stich genäht. Die Betäubung wirkte da allerdings noch nicht, erst die Nacht brachte Entspannung. Zum Glück haben wir Schienbeinschützer gehabt, mit denen ich dann einige Zeit gefahren bin, bis alles verheilt war.

Und nach diesem siegreichen Rennen war es dann endlich soweit, mein neues Material war endlich eingetroffen! Und so baute ich in Windeseile meinen Ssquared Pro Cruiser mit den Answer Teilen zusammen, es war Liebe auf den ersten Blick. Am besten fand ich natürlich den Namen der Naben: "Holeshot". Wie passend, da ich ja doch meist recht gute Starts habe.
Nach den ersten Runden auf der Bahn gab es noch ein Feintuning, bevor es dann unter Rennbedingungen in Kolbermoor getestet wurde. Und es klappte vorzüglich, auch gegen die immer jünger werdende Konkurrenz!!!
Mit diesem Neubeginn änderte sich auch das Team, und so lernte ich einmal mehr etwas über Freundlichkeit und Wertschätzung anderer Menschen. 
Ich blieb gesund, meine Form steigerte sich wie gewünscht im Laufe der Saison, auch meine Ziele, die Bundesliga und auch die regionalen Rennen zu gewinnen, konnte ich sowohl in Weiterstadt zum Bundesliga-Auftakt als auch in Erlangen erreichen. Das Fahren und Springen machte mehr Spaß als je zuvor. Auch wenn der Wind in Weiterstadt mir fast Tag 2 versaut hätte, meist kam er aus einer guten Richtung und störte nicht wirklich beim Fahren. Auch ein technischer Defekt kurz vorm Sonntags-Finale brachte mich nicht arg aus der Ruhe, das Hinterrad zu wechseln ging schnell, besonders da ich fleißige Hilfe hatte, die mir auch mental zur Seite stand.

Das Rennen zur Bayernliga in Erlangen war am 1. Mai wieder ein gelungener Test für die Bundesliga, jedes Rennen war ein super Training für meinen Jahreshöhepunkt, die WM. Auf dem Weg dorthin wurden aber auch schon ein paar Titel verteilt, und wenn möglich wollte ich auch die vom Vorjahr erfolgreich verteidigen.

Bei der LV Meisterschaft gegen die Männer war es schwer einzuschätzen, ob es zu einem Sieg reichen könnte. Doch im Ziel angekommen war ich sehr erstaunt, wie gut und sicher ich mich fühlte und auch, daß ich so deutlich ganz vorne war. Das Selbstbewußtsein wuchs, und vor allem wußte ich, daß meine Trainingsplanung voll funktionierte. Nach der Bundesliga in Erlangen gab es nochmal eine kurze rennfreie Zeit, in der ich mich komplett aufs Training konzentrieren konnte, denn danach wurde es ernst.

Den Auftakt der Meisterwochen bildete die Süddeutsche Meisterschaft auf meiner Heimstrecke in Ingersheim, natürlich wollte ich dort gewinnen. Leider war es auch hier sehr windig, so daß ich nicht wie gewünscht auf der Startgeraden springen konnte - das Risiko war zu hoch, und zum Glück war ich auch ohne schnell genug, um den Titel holen zu können.

Kaum vom Rennen ausgefahren ging es schon nach Hamburg zur DM, die Bahn kannte ich schon, und ich hatte wirklich Bock drauf. Das Freitags-Training fiel richtig ins Wasser, es schüttete wie aus Kübeln, doch am nächsten Tag hatte sich alles beruhigt und die Bahn war in einem super Zustand. Ich sprang wie selbstverständlich, weil ich wußte, dass ich es schaffe, nur die Kurven waren mit Vorsicht zu genießen. Relativ spontan hatte ich mich wenige Tage vor Meldeschluß noch dazu entschlossen, auch mit dem 20-Zoll Rad ins Rennen zu gehen, da beide Klassen an unterschiedlichen Tagen ausgefahren wurden. Ich bereute diesen Entschluß nicht, denn auch hier kam ich nach wenigen Runden mit dem anfangs wieder ungewohnten Bike sehr gut über die Strecke. Ich nahm mir die Zeit, die ich brauchte, um mich sicher zu fühlen und den Rest erledigte mein Körper. Mit 2 weiteren Siegen und Titeln im Gepäck ging es an die letzten Vorbereitungen auf die WM. Der Sommer war sehr heiß und hatte viele schwüle Tage, und jedes Mal, wenn es fast nicht mehr auszuhalten war, dachte ich daran, daß genau dieses Wetter in den USA auf uns warten würde. Also war das alles gutes Training für die WM.
Weil es langweilig wäre, wenn alles einfach nach Plan ginge, machte Gerhard uns unfreiwillig fast noch einen Strich durch die Rechnung, da er sich noch "eben" einer Operation unterziehen mußte, die nicht warten konnte: die Entfernung eines Tumors, der aufs Rückenmarkt gedrückt hatte. Nicht auszudenken, was die Konsequenzen hätten sein können, wenn das Ding sich durchsetzen würde! Dies hatte klar Vorrang, doch er schickte mich dennoch fort, um diesen Traum zu verwirklichen, zumindest die Chance wahrnehmen zu können, es zu versuchen. Und ich war nicht allein, Jörn und ich passten gegenseitig aufeinander auf und versuchten, uns auf die anstehenden Geschehnisse zu konzentrieren.

Die OP war gut verlaufen, und die Ärzte hatten es nicht ausgeschlossen, dass es mit dem Nachfliegen klappen könnte. Gerhard hatte sowieso nie Zweifel daran, und so flog er dann am Nachmittag vor unserem Cruiser-Renntag ein. Sollte doch noch alles richtig gut werden? 

Ich war erleichtert, als am Morgen dann endlich der Wecker klingelte, obwohl es verdammt früh war. Die Vorfreude überwiegte meist die Nervosität (mal die vor dem allerersten Lauf ausgeschlossen), ich wollte natürlich ein anständiges Rennen abliefern mit bestmöglichem Ergebnis für mich und nicht zuletzt auch Gerhard für all diese Strapazen danken, indem ich alles gab und ihm natürlich auch bewies, daß sein gewagtes Unterfangen, in den Flieger zu steigen, die richtige Entscheidung war. Es war ein langer Tag, geprägt von Pausen, trinken und Getränk kurze Zeit später wieder entsorgen. Racing gab es natürlich auch!
Ich versuchte alles umzusetzen, was ich im Training geübt und mir fürs Rennen vorgenommen hatte, nichts zu ändern, keine Experimente, sondern die schnellste Variante, über die Bahn zu fahren, zu verwenden. Es gelang mir recht gut, ich fühlte mich von einer Runde zur anderen sicherer auf dem Bike, war mit mir zufrieden und konnte das Finale kaum erwarten. Im Vorstart sagte dann einer der fleißigen Helfer, wir warten noch, bis sie fertig ist (er meinte mich, ich war noch kurz mit Armkreisen o.ä. beschäftigt) - woraufhin ich dann lächelnd  erwiderte: "I was born ready!" Meine Zuversicht war groß, und entsprechend gut gelaunt ging ich auf den Starthügel. Dort warf ich wie bei allen Rennen nochmals einen Blick auf meine vordere Nabe, sah wieder das "Holeshot", das ich mir ja zum Programm gemacht hatte, und dann durfte ich endlich ans Gate und dem Material alle Ehre machen.
Der Traum wurde wahr, ich siegte bei der größten WM aller Zeiten im Ursprungsland des BMX-Sports in einer voll besetzten Klasse, es waren so viele Teilnehmerinnen wie noch nie zuvor bei mir. Nur wenige Augenblicke nach dem Erreichen des Ziel bewies sich dann auch, was ich schon lange wußte: der Körper ist stark vom Geist abhängig. Das Rennen war vorbei, und nun verlangte mein Körper seine Pause, verweigerte mir fast den Dienst. Aber mit ein wenig Zucker und Koffein hatte ich mich auch schnell wieder gefangen und freute mich auf die Siegerehrung, bevor dieser wundervolle Tag sich dem Ende zuneigte.

Die folgenden Tage konnte ich so richtig genießen, keine Nervosität mehr, Rückenschmerzen vom langen Sitzen wären egal gewesen, ich hatte mein Rennen hinter mir und alle anderen zum Gucken vor mir, es war einfach perfekt. Die vielen Glückwünsche von allen möglichen Seiten waren auch so toll, mein Glück konnte ich kaum in Worte fassen, also habe ich es einfach genossen. Am Freitag konnte ich noch ein Trikot tauschen mit der 3.-Platzierten Deborah Williams, die so scharf auf ein Trikot von mir war. Und Kanada gefällt mir auch total gut!
Der Tag der Elite war auch perfekt, mittags Cafè Willoughby live zu erleben war eine tolle Sache, besonders als man in die Runde fragte, wer im Finale war. Gerhard schob mich nach vorn ins Blickfeld von Tyler und Sam, und auf die Frage, welchen Platz ich belegt hatte, signalisierte ich, daß ich gewonnen hatte. Sam sah mich an und erinnerte sich auch noch an unseren Ausflug 2 Tage zuvor zu ihm bei der Berm Academy, manchmal fühlte sich alles etwas unreal an, aber super! Der Abend brachte dann Gänsehaut pur und wahrscheinlich blieb kein Auge trocken, als sowohl Alise Post als auch Corben Sharrah die Elite-Titel für die USA holten. 
Es war mit Abstand meine emotionalste WM, sowohl auf, als auch neben der Strecke. Michelle und Familie Sawyer live zu treffen und mit der Ssquared-Answer Crew Smalltalk zu halten, war eines von vielen i-Tüpfelchen dieses Events.

Doch der Alltag wartete bald wieder auf uns, und irgendwann ging es ja noch mit der Bundesliga und diversen regionalen Rennen weiter. Mein Enthusiasmus hielt sich vorerst bedeckt nach all unseren Strapazen, aber die Rennluft tat immer wieder gut. Und natürlich gab es auch in der Heimat noch diverese Glückwünsche, und vom MSC Ingersheim gab es sogar einen Präsentkorb.

Doch noch vor den ersten Rennen lud mich unser Bürgermeister noch zur Eröffnung unseres Parkfestes ein, da er zu diesem Anlass eine Ehrung der Weltmeisterinnen geplant hatte. Es war wirklich viel los an diesem Samstag Nachmittag, alle waren auf den Beinen, sogar Freunde aus Heilbronn waren da. Die Ehrung war eine tolle Anerkennung pur, der Rahmen dafür unübertrefflich - so etwas habe ich ja ewig nicht erlebt! Ich fühlte mich wirklich sehr wohl und auch wirklich anerkannt.

Im Verlauf der 2. Jahrehälfte
gab ich mal den einen oder anderen Vorlauf (3 insgesamt) ab, weil mir teils irgendwie der Elan fehlte, doch zu den entscheidenden Läufen war ich immer voll da, konzentriert und hatte Bock zum Fahren. Letzten Endes konnte ich bei den BW-Cups in Welzheim, Markgröningen und auf meinem Hometrack in Ingersheim die Männer hinter mir lassen und siegen, was mir sogar den Siegerpokal für die Gesamtwertung im BW-Cup einbrachte.
Doch auch in der Bundesligaserie wollte ich zeigen, was ich kann, und die Strecke in Ahnatal liegt mir eigentlich auch ganz gut. Hier konnte ich die Runden 5 und 6 siegreich für mich entscheiden, und auch bei den Endläufen in Kornwestheim ging der Sieg am Samstag klar an mich. Somit hatte ich ausreichend Vorsprung, um das Rennen am Sonntag gar nicht mehr fahren zu müssen, der Gesamtsieg war mir nicht mehr zu nehmen. Doch ich wollte natürlich trotzdem fahren, das Ziel waren alle 8 Finalsiege der Serie. Für eine letzte Runde des Jahres sammelte ich alle Konzentration, und so konnte ich auch hier einen deutlichen Sieg für mich verbuchen. Somit stand ich bei allen Rennen, die ich in diesem Jahr gefahren war, ganz oben auf dem Podest.

Es war mir wichtig, denn auch der letzte Eindruck meiner Person als BMXerin sollte ein anständiger sein. Für mich war schon seit geraumer zeit klar, daß ich hier meine Karriere beenden würde, und dies verkündeten wir auch bei der Siegerehrung bzw. ließen Thomas Otto, den Rennspeaker, dies vollziehen. Ich bekam Applaus, ein paar wehmütige Blicke, es war rürend.
Ich selbst war froh, daß ich etwas kürzer treten konnte, denn mein Körper verlangte sehr danach. Und einen schöneren Zeitpunkt gibt es doch gar nicht, um etwas auszuruhen, mehr geht nicht.



 
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© Kerstin Meyer (ehem. Fritscher) 2009-2018